Auf 4.000 Metern wächst fast nichts. Maca schon
Die Knolle vom Dach der Anden: wo sie wächst, was sie aushält und warum Käufer mit Rucksäcken voller Geld zu ihr kamen.
Huayre, Peru, sieben Uhr morgens. Das Dorf liegt auf 4.113 Metern, das Thermometer zeigt minus zwei Grad, und über die Hochebene von Bombón fegt ein kalter Wind.4,1
Gut 1.200 Menschen leben hier oben, und mitten auf ihrem Dorfplatz steht ein Denkmal aus lila Glas.4 Es ehrt keinen General und keinen Heiligen, sondern eine Knolle.
Maca.
Wer verstehen will, warum ein Dorf einer Knolle ein Denkmal baut, muss wissen, wo sie herkommt und was sie aushält.
Was ist Maca?
Maca ist ein Kreuzblütler, verwandt mit Kohl, Senf, Rettich und der Kresse aus dem Garten.1 Über der Erde sieht man nur einen flachen Kranz aus Blättern, der sich an den Boden drückt. Was zählt, steckt darunter.
Was alle „Maca-Wurzel“ nennen, ist streng genommen keine Wurzel, sondern das Hypokotyl: das dicke Stück zwischen Wurzel und Stängel, in dem die Pflanze speichert, was sie hat.3 In Junín wachsen davon drei Typen – gelbe, rote und schwarze Maca.3
Frisch schmeckt die Knolle bitter.3 Bitter bleibt sie aber nicht – dafür muss sie nur erst durch drei Monate Frost.
Wo Maca wächst: 4.000 Meter, Frost und Wind
Von Natur aus wächst Maca nur an einem Ort der Welt: im Hochland von Peru, rund um den Junín-See, den die Menschen dort Chinchaycocha nennen. Die Felder liegen auf 4.000 bis 4.500 Metern.1,5 Es ist eisig kalt, die Sonne brennt grell, und der Wind hat auf der baumlosen Hochebene freie Bahn.1
Schon 1653 schrieb der spanische Pater Bernabé Cobo, Maca wachse in den kältesten und rauesten Ecken der Provinz – dort, wo keine andere Pflanze gedeiht, von der ein Mensch sich ernähren kann.1
Wo andere aufgeben, fängt Maca an.

Der Anbau: Maca nimmt sich, was sie braucht
Maca ist kein bescheidener Gast. Die Knolle zieht dem Boden Nährstoffe ab, vor allem Stickstoff und Bor.5 Kleine Bauern säen deshalb höchstens zwei Jahre am Stück auf demselben Feld, große Betriebe lassen ihren Acker danach acht bis zehn Jahre ruhen.5
Und nicht jede Knolle landet im Kochtopf. Ausgewählte Knollen gehen zurück in die Erde, treiben aus und bilden die Samen für die nächste Saat.6 Diese Samen sind winzig: Rund 1.500 von ihnen wiegen zusammen gerade ein Gramm.6
Maca nimmt sich, was sie braucht. Und das Beste geht zurück in die Erde.
Drei Monate Frost: So wird Maca getrocknet
Nach der Ernte kommt die Knolle nicht ins Haus. Sie bleibt draußen, auf rund 4.100 Metern, und das etwa drei Monate lang. Am Tag knallt die Sonne der Puna auf sie, in der Nacht fällt das Thermometer unter null.3
Dabei verliert Maca ihre Bitterkeit, und die Bauern prüfen das mit der Zunge: Erst wenn die Knolle süß schmeckt, ist sie fertig.3 Je länger sie draußen liegt, desto mehr Macamide stecken in ihr – Stoffe, die ihren Namen tragen.3 Am Ende ist sie hart wie Stein und hält sich viele Jahre.1
Drei Monate Frost machen Maca nicht weich. Sie machen sie süß.
Die Geschichte: 2.000 Jahre Maca
Die Menschen der Anden bauen Maca seit über 2.000 Jahren an; die ersten Felder lagen wohl bei San Blas im heutigen Junín.1 Als die Spanier ins Land kamen, notierte ihr Chronist Pedro Cieza de León 1553, dass die Leute hier oben von bestimmten Wurzeln lebten.1 Einen Namen hatte er dafür noch nicht. Den gab ihr hundert Jahre später Pater Cobo: Maca.1
Alte Quellen berichten noch etwas anderes. Bevor die Krieger der Inka in die Schlacht zogen, bekamen sie Maca.7 Das Reich der Inka ist längst untergegangen. Die Geschichte ist geblieben – und die Knolle auch.

Der Boom: Was die Welt für Maca zahlt
Ende der 1980er stand Maca kurz vor dem Aus. Kaum 50 Hektar wurden noch bestellt, und die Pflanze galt als bedroht.4,2 Dann entdeckte die Welt die Knolle: Aus der vergessenen Kuriosität vom Hochland wurde ein Exportschlager, und zwischen 2001 und 2010 wuchs Perus Maca-Export von 1,4 auf 6,2 Millionen Dollar.2,1
2013 rollten Vans voller Geschäftsleute aus China nach Junín. Ein Kilo Maca kostete damals drei Dollar; sie boten 100, dann 150, dann 200 – bar, aus Rucksäcken voller Geld.4 Zwischen 2013 und 2014 stieg die Nachfrage in China um 1.100 Prozent.8
Mit der Knolle ging auch die Saat. Vier Gramm Maca-Samen passen in einen leeren Druckbleistift4 – das sind fast 6.000 Samen.6 Der Preis für ein Kilo Saat schoss von 30 oder 40 Soles, etwa zehn Dollar, auf 3.000 Soles, rund 900 Dollar.4 2014 schätzte Perus Exporteursverband ADEX, dass rund 1.500 Tonnen Maca illegal nach China gegangen waren, als Knolle und als Saatgut.9
Bald wuchs Maca auch in China, und die Preise in Peru brachen ein.8 Eine Bäuerin in vierter Generation saß 2017 auf ihrem Vorrat getrockneter Knollen und verkaufte nicht – nicht zu diesen Preisen.8 Peru nennt das, was passiert ist, Biopiraterie, und hat eine eigene Kommission dagegen aufgestellt.8
Aufgegeben haben die Bauern trotzdem nicht. 2024 ernteten sie, vor allem in Junín, Pasco und Huancavelica, 24.830 Tonnen Maca auf 4.360 Hektar – aus 50 Hektar wurden über 4.000. Mehr als 7.500 Familien leben heute davon.10
Die Samen kann man mitnehmen. Den Berg nicht.

Echte Macher brauchen Maca
Denk noch mal an Huayre: minus zwei Grad am Morgen, eisiger Wind und eine Knolle, die bleibt, wo alles andere geht. Sie hat keinen guten Boden und keinen Schutz, sie liegt drei Monate draußen im Frost und kommt süß zurück. Man hat sie fast vergessen, dann gejagt, dann über die Grenze geschmuggelt – und sie wächst immer noch da oben.
Auf 4.000 Metern gibt es kein Später, und wer wartet, friert.
Maca fragt nicht, ob die Lage passt. Maca wächst.
Du kennst solche Leute – vielleicht bist du einer davon.
Mach dich Boss!
Häufige Fragen zu Maca
Was ist Maca?
Maca (Lepidium meyenii) ist die Knolle eines Kreuzblütlers aus dem Hochland von Peru, verwandt mit Kohl, Senf und Kresse. Die Menschen dort bauen sie seit über 2.000 Jahren an.1
Wo wächst Maca?
Von Natur aus nur in den Anden von Peru, rund um den Junín-See, auf 4.000 bis 4.500 Metern. Angebaut wird sie heute vor allem in Junín, Pasco und Huancavelica.1,10
Ist Maca eine Wurzel?
Streng genommen nicht. Der dicke, essbare Teil ist das Hypokotyl, das Stück zwischen Wurzel und Stängel. Im Alltag heißt es trotzdem Maca-Wurzel.3
Welche Farben hat Maca?
In Junín wachsen vor allem drei Typen: gelbe, rote und schwarze Maca.3
Wie wird Maca getrocknet?
Traditionell rund drei Monate unter freiem Himmel auf über 4.000 Metern – in der Sonne am Tag und im Frost in der Nacht. Danach schmeckt die Knolle süß statt bitter und hält sich viele Jahre.3,1
Wie wird Maca gegessen?
Frisch wird sie gekocht. Aus den getrockneten Knollen machen die Menschen in den Anden einen süßen Brei, die Mazamorra, oder einen Saft.7,1
Wie viel Maca erntet Peru?
2024 waren es 24.830 Tonnen auf 4.360 Hektar. Mehr als 7.500 Bauernfamilien leben vom Maca-Anbau.10
Quellen
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n o p q r Gonzales, G. F. (2012): Ethnobiology and Ethnopharmacology of Lepidium meyenii (Maca), a Plant from the Peruvian Highlands. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, 2012:193496. doi.org/10.1155/2012/193496 Volltext (PMC)
- ↑ a b c Hermann, M., Bernet, T. (2009): The transition of maca from neglect to market prominence: Lessons for improving use strategies and market chains of minor crops. Bioversity International, Rom. hdl.handle.net/10568/104787
- ↑ a b c d e f g h i j Esparza, E., Hadzich, A., Cosio, E. (2015): La maca: la química detrás de su secado tradicional. Revista de Química PUCP, Lima. revistas.pucp.edu.pe (PDF)
- ↑ a b c d e f Lo Lau, J. (31.10.2019): Reportage aus Huayre und Junín über den Maca-Boom und den Abfluss von Saatgut nach China. Dialogue Earth. dialogue.earth
- ↑ a b c Solórzano-Acosta, R. et al. (2025): Soil management in Lepidium meyenii (maca) monoculture: trends and challenges for small farmers around Lake Chinchaycocha in the Andean highlands of Junin (Peru). Frontiers in Soil Science. doi.org/10.3389/fsoil.2024.1419745
- ↑ a b c Pérez (o. J.): Anleitung zum Maca-Anbau für die Produktion von Saatgut. Instituto Nacional de Innovación Agraria (INIA), Peru. inia.gob.pe (PDF)
- ↑ a b Weleda Magazin: Pflanzenporträt Maca – Lepidium meyenii. weleda.de
- ↑ a b c d Walton, A. (30.03.2017): Peru’s farmers are in crisis as thousands of international patents claim rights to native plants. VICE. vice.com
- ↑ Portal Frutícola (25.06.2014): Perú: Unas 1.500 toneladas de maca se habrían enviado a China de forma ilegal. portalfruticola.com
- ↑ a b c León Carrasco, J. C. (20.11.2025): Bericht über Perus Maca-Ernte 2024 nach Zahlen des Agrarministeriums Midagri. Agraria.pe. agraria.pe

